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Die Weinkultur

der Türkei

Türkische Weinkultur
Ob Noah tatsächlich der erste Winzer der Menschheitsgeschichte war und somit per se den Weinbau erfand, wie die Bibel erzählt, sei dahingestellt – auch, ob er mit seiner Arche auf dem Berg Ararat landete. Laut Koran und internationalen Forschern zufolge strandete Noah hingegen auf einem Berg namens Cudi. Dieser liegt in Südost-Anatolien im früheren Land Ararat, dem heutigen Dreiländereck Türkei, Irak und Syrien. Das wiederum könnte interessant sein. Denn nicht allzu weit davon entfernt wurden bei Ausgrabungen in Çayönü und Nevalı Çori Traubenkernhaufen in Behältern gefunden, anhand derer sich eine erste Weinherstellung in der Zeit 7250 – 6750 v. Chr. wissenschaftlich nachweisen lässt. Bildhafte Darstellungen zur Erzeugung von Wein stammen archäologischen Untersuchungen zufolge aus dem fünften Jahrtausend v. Chr.
Funde der Hethiter
Weitere Funde belegen, dass die Hethiter nahe der Grenze zum heutigen Irak Wein aus der Rebsorte Kalecik Karasi produzierten. Unter ihrer Herrschaft erfuhr der Weinbau zwischen 1650 und 1200 v. Chr. eine wahre Blütezeit – es wurde sogar eine Stadt nach ihm benannt: Wiyanawanda (wiyana: Wein, Rebe; wanda: gehörend), das heutige Oinoanda. Der hethitische höfische Beamte Gal Geštin, in hieroglyphischen Urkunden häufig erwähnt und meist als „Oberer des Wein“ übersetzt, war so etwas wie ein Wein-Minister und genoss eine höhere Würde als der höchste militärische Rang. Anatolischer Wein galt in der Antike als qualitativ hochwertig und wurde zu hohen Preisen gehandelt.
Im Laufe der Jahrhunderte kamen und gingen viele Herrscher – der Wein blieb begehrt, auch als gefragtes Handelsgut im Austausch mit den benachbarten Völkern. Doch mit der allmählichen Eroberung der byzantinischen Territorien durch osmanische Invasoren ging der Weinbau immer mehr zurück. Mit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453 endete mit dem Byzantinischen Reich auch die uralte Weinkultur. Die Trauben wurden fast ausschließlich zu Sultaninen verarbeitet. Lediglich einige nichtmuslimische Minderheiten wie Armenier, Griechen oder Juden durften Wein herstellen bzw. konsumieren.
Türkische Streitmacht
Mustafa Kemal Atatürk
Erst als Atatürk 1923 an die Macht kam, für die Trennung von Religion und Staat sorgte und überhaupt das Land grundlegend reformierte, wurde der Weinbau in größerem Stil neu belebt. Atatürk selbst war Weinliebhaber, er förderte die Gründung privater Weingüter.  Die Reblaus, anhaltende Landflucht und eine große Auswanderungswelle führten zwischen 1960 und 1980 zu einem herben Einbruch im Weinbau – viele Flächen wurden nicht mehr bewirtschaftet.
Doch seit den 1980er Jahren nehmen Quantität und Qualität von türkischem Wein beständig zu. Das Land ist weltweit sechstgrößter Erzeuger von Trauben, doch werden nur drei Prozent davon für die Produktion von Wein verwendet. Viele Bauern geben ihre Ernte aus religiösen Gründen nicht an Winzer. Konsumiert werden die Weine vor allem im eigenen Land, nicht zuletzt von den unzähligen Touristen. Für den Export bleiben dann nur noch kleine Mengen, zumal auch noch etwa 25% der für die Weinproduktion gedachten Trauben zu Raki destilliert werden.
Weinbau in der Türkei
kleine Türkische Winzer
Doch die Situation auf dem türkischen Weinsektor ist gespalten: Einerseits ist in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung zu verzeichnen. Viele neue Weingüter entstanden, die in modernste Technologie investieren und immer hochwertigere Weine produzieren. In den vergangenen zwei Jahren wurden türkische Weine mit über 500 internationalen Preisen ausgezeichnet. Andererseits erlebt die türkische Wein-Branche schwere Zeiten – die religiös-konservative AKP-Regierung, die seit einigen Jahren an der Macht ist, setzt die Winzer massiv unter Druck und führt einen offenen Feldzug gegen den Alkohol. Unterstützt hingegen wird die türkische Weinwirtschaft vom Tourismusministerium.
Einige wenige große Weingüter bestimmen die Szene – ihnen ist der bemerkenswerte Qualitätssprung der letzten Jahre zuzuschreiben. Motiviert vom Erfolg dieser Kellereien entstanden etliche kleine Weingüter, oftmals nach dem Vorbild französischer Betriebe. Zurzeit gibt es etwa 100 Weinbaubetriebe in der Türkei. Die meisten sind relativ klein, machen jedoch durch sehr ausdrucksstarke Weine von sich reden, die selbst Kenner überraschen. Die Vielfalt der Rebsorten ist schier unüberschaubar – abgesehen von den internationalen Varietäten gedeihen in der Türkei auch zahlreiche autochthone, oftmals amtlich gar nicht erfasst. Je nach Lage, an den Meeren oder im zentralen Binnenland, sind die klimatischen Gegebenheiten in den türkischen Weinbaugebieten sehr unterschiedlich.
Moderne Türkische Winzer
Nord Türkei
Thrakien (der europäische Teil der Türkei, im Norden an Bulgarien und im Westen an Griechenland grenzend) und südlich davon Marmara bilden den Pfeiler der türkischen Weinwirtschaft – in diesen beiden Anbaugebieten entstehen etwa 40% aller türkischen Weine, sowohl weiße als auch rote. Neben einheimischen werden hier auch viele internationale Sorten kultiviert, darunter Cinsault, Gamay, Pinot Noir, Clairette Blanche, Riesling und Semillon. Rund 20% der türkischen Weine werden im Küstenbereich der anatolischen Ägäis produziert. In den Regionen um İzmir, Manisa und Denizli wird in erster Linie Rotwein erzeugt. Hierbei wird stark auf die heimische Rebe Calkarasi gesetzt, angebaut werden aber auch Grenache, Carignan, Merlot und Cabernet Sauvignon. 
Die Weißweine werden überwiegend aus der Sémillon-Traube vinifiziert. An der Schwarzmeerküste – Urheimat des Weins – im Norden des Landes liegen kleinere Anbaugebiete, vor allem für vorzügliche Rotweine bekannt. Hier werden überwiegend die autochthonen Rebsorten Dimrit, Sergikarası (rot) und Narine (weiß) gekeltert. Auf traditionelle Weise ausgebaut, sind die Weine dieser Region betont fruchtig und haben dadurch einen ganz eigenen Charakter.
Semilion in der Türkei
Mittel Anatolien
In Mittel-Anatolien im Landesinnern herrscht kontinentales Klima mit sehr trockenen, heißen Sommermonaten und äußerst kalten Wintern vor. Wein wird aufgrund dieser Bedingungen nur in geringem Maße produziert, und zwar aus wenig bekannten einheimischen Rebsorten wie auch aus Syrah. Im Süden der Türkei, am Mittelmeer, spielt der Weinbau bislang ebenfalls nur eine untergeordnete Rolle – hier werden überwiegend Tafeltrauben angebaut. Nur wenige einheimische, aber auch internationale Sorten werden hier kultiviert und zu Wein weiterverarbeitet. Dieser verbleibt in der Region und wird insbesondere von Touristen genossen.
Auch Ost-Anatolien profitiert nicht mehr von dem vorteilhaften Klima der Meere. Im Winter können die Temperaturen auf unter -20 Grad fallen – eine spezielle Herausforderung für die Arbeit der Winzer. Sortenmäßig gibt es in diesem Gebiet eine große Vielfalt: Neben vielen autochthonen Rebsorten werden hier auch Pinot Noir, Grenache und Riesling angebaut. Viel Wein geht in die Tourismusregionen, Existenzgrundlage der kleinen Weingüter. Mit Blick auf die großartigen Erzeugnisse ihrer Winzer ist sehr zu wünschen, dass die Türkei zurückfindet zu dem, was sie einmal war: ein ganz großes Weinland.
Osten von Anatolien