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Und dann kam

die Reblaus

Reblaus Biologie
Im Jahre 1562 brachten hugenottische Siedler die ersten europäischen Reben aus Frankreich nach Florida. Drei Jahrhunderte später wurde die Reblaus (siehe Gemälde oben von der Humboldt Universität Berlin) von der Ostküste Amerikas nach Südfrankreich eingeschleppt, wo sie im Rhône-Tal ab 1863 ihr gieriges Unwesen trieb. Lebte die Reblaus in ihrer angestammten Heimat in einträchtiger Symbiose mit den dortigen Wildreben, sah dies in unseren Breiten völlig anders aus: Den hiesigen Reben war dieser Schädling bis dato unbekannt geblieben, daher hatten sie keinen natürlichen Schutz entwickelt. Die nordamerikanische Verwandte unserer Blattlaus fühlte sich in der neuen Umgebung jedenfalls pudelwohl, breitete sich rasant über sämtliche europäische Weinbaugebiete aus und richtete Schäden ungeheuren Ausmaßes an in der Geschichte der Weinkultur. Verschont blieben lediglich Weingärten mit Sandböden, beispielsweise in Ungarn.
Befallene Rebe
Besonders schwer war zunächst Frankreich betroffen. Nur wenige Jahre zuvor war Mitte der 1840er Jahre der Mehltau – ebenfalls ursprünglich im Norden Amerikas beheimatet – ins Land gekommen. Der Pilz hatte große Teile der Weinbaugebiete befallen, woraufhin diese neu bepflanzt worden waren. Nun gab die Reblaus dem französischen Weinbau den Rest. Insgesamt wurden allein in Frankreich annähernd 2,5 Mio. Hektar, über 75% der gesamten Rebfläche, vernichtet. 1870 setzte die französische Regierung eine Kommission zur Bekämpfung der Reblaus ein. Doch weder das Vergraben von Kröten, das Schlagen mit Stöcken oder das Fluten von Weinbergen beeindruckte die Reblaus nachhaltig – auch nicht das Injizieren von giftigem Kohlenstoffdisulfid in den Hauptwurzelbereich befallener Rebstöcke. Die Kommission blieb ratlos. (mehr dazu) auch als „Reblaus-Katastrophe“ bekannt.
1873 entdeckte der südfranzösische Botanik-Professor Jules Émile Planchon mit der Hilfe des Weinbauers Gaston Bazille und des Gartenbauers Sahut zunächst, dass die Reblaus von der amerikanischen Ostküste nach Europa gelangt war. Aus dem biologischen Verhalten der Rebläuse sowie dem Umstand heraus, dass in den USA die Reben gegen den Plagegeist immun waren, kamen die Forscher in enger Zusammenarbeit mit Fachleuten aus Übersee schließlich auf die Lösung für das Problem: Amerikanische Winzer schickten ihre Rebensorten und Bazille begann, die Oberteile europäischer Edel-Varietäten auf resistente amerikanische Unterlagen aufzupfropfen, heute auch Veredelung genannt (mehr dazu). Und siehe da: Der natürliche Zyklus der Reblaus wurde erfolgreich gestört – die erste biologische Schädlingsbekämpfung in der Geschichte des Rebbaus war entdeckt.
Jules Émile Planchon & Gaston Bazille
Veredelung
In den 1910er Jahren reiste eine französische Delegation nach Amerika, um dort die geeigneten Unterlagsreben herauszufinden. Doch bis sich das Veredeln (mehr dazuals einzig wirksamer Schutz durchsetzte, sollten noch einige Jahrzehnte vergehen. Zurück zur Reblaus-Krise: In Österreich sah es nicht viel besser aus als in Frankreich. Hier trieb die Reblaus ab 1867 ihr Unwesen, zunächst in Klosterneuburg im Donauland, dem heutigen Weinbaugebiet Wagram (mehr dazu). In Deutschland entdeckte man die Reblaus erstmals 1874 im Rheinland in der Nähe von Bonn. Von dort wanderte sie weiter bis in die Dresdener Region und wurde um 1885 in der Lößnitz (mehr dazuerst entdeckt, als bereits die Mehrheit des Rebenbestands befallen war. Mittels Rodung und Verbrennung der Weinstöcke und der in den Weinbergen stehenden Bäume versuchte man, dem Treiben der Reblaus Einhalt zu gebieten.
Außerdem wurde der Boden zum Zwecke der Desinfektion intensiv mit Schwefelkohlenstoff und Petroleum behandelt. Doch umsonst – ein Jahr später erfolgte die ernüchternde Bilanz, dass sämtliche Maßnahmen nicht nur erfolglos geblieben waren, sondern darüber hinaus das Erdreich hochgradig vergiftet hatten. In der Folge verlor der sächsische Weinbau für viele Jahrzehnte seine wirtschaftliche Bedeutung: bis 1910 ging die Anbaufläche von 150 Hektar auf ganze 10 ha zurück. Doch die Reblaus breitete sich unbeirrt weiterhin aus, wurde 1907 im Mosel-Saar-Ruwer-Gebiet entdeckt und befiel ab 1913 das Weinbaugebiet Baden (mehr dazu), jeweils immense Schäden verursachend. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Deutschland die gesetzliche Vorgabe erlassen, ausschließlich veredelte Pfropfreben zu pflanzen. Dadurch gelang es, den einheimischen Weinbau vor einer weiteren Katastrophe zu bewahren.
Reblausbekämpfung
Als komplett reblausfreies Anbaugebiet nahm die „Hessische Bergstraße“ weltweit eine Sonderstellung ein – im Sommer 2005 fand dies durch den Einzug des Schädlings dann ein jähes Ende! Im Ertragsweinbau gibt es heute weltweit nur wenige Anbaugebiete bzw. Lagen, wo wurzelechte Reben gepflanzt werden können. Aufgrund von Klimaveränderungen, brachliegenden Weinfeldern und einer steigenden Anzahl von Zierreben ist die Reblaus wieder stark im Kommen. Die Reblaus dürfte auf diesem Planeten durch alle Zeiten hindurch wohl nur eine einzige Ehrung erfahren haben – Hans Moser besang 1940 die Reblaus voller Inbrunst:
Lied ther Replaus von Hans Moser